Leinenaggression

Die Szene, wie ein Hund beim Anblick eines Artgenossen ausrastet, in die Leine springt, bellt und/oder auch knurrt, hat von uns jeder schon mal gesehen oder der eigene Hund ist von dieser Verhaltensauffälligkeit betroffen. Für die meisten Besitzer eines solchen Hundes ist dieses schlechte Verhalten sehr schwer zu ertragen. In der heutigen Gesellschaft hat ein solcher Hund keinen Platz und der Hundebesitzer erntet oftmals bemitleidenswerte bis empörte Blicke oder wird auch von anderen Hundebesitzern oder Passanten gemieden. Hund und Besitzer leiden sehr unter dieser immer häufiger auftretenden Verhaltensauffälligkeit.

 

Deshalb möchte ich bei diesem schwierigen Thema Klarheit schaffen.

 

Was genau ist eine Leinenaggression?

Von einer Leinenaggression spricht man dann, wenn der Hund sich an der Leine aggressiv verhält, während er im Freilauf gut verträglich ist. In der Regel ist die Aggression gegenüber Artgenossen gemeint. Seltener kann es aber auch sein, dass der Hund gegenüber von Menschen an der Leine pöbelt, im Freilauf aber keine Auffälligkeiten zeigt.

 

! Vorsicht: Verhält sich der Hund  auch übermässig aggressiv, wenn er nicht an der Leine ist, dann spricht man nicht von einer Leinenaggression. In diesem Fall handelt es sich um einen Hund, der generell Probleme bei Begegnungen mit Hunden und/oder Menschen hat, weshalb ein anderes Training notwendig ist.

 

 

Wie entsteht eine Leinenaggression

Es gibt mehrere Ursachen die dazu führen, dass der Hund an der Leine pöbelt. 

 

1. Negative Erlebnisse

 

Der Hund hatte an der Leine ein negatives Erlebnis. Da kann es schon reichen, dass ein frei laufender Hund den angeleinten Hund bedrängt und sich dieser nicht entziehen kann. Der angeleinte Hund kann somit nicht ausweichen, keinen Bogen laufen, weder fliehen noch angreifen. Er ist dem anderen Hund ausgeliefert. Der freilaufende Hund muss gar nicht aggressiv sein, es reicht schon, dass die Individualdistanz des angeleinten Hundes unterschritten wird und er keine Möglichkeit hat diese wieder herzustellen.

 

Ein noch einschneidenderes Erlebnis ist es, wenn zum Beispiel der angeleinte Hund von einem Artgenossen überfallen oder sogar gebissen wird und somit nicht davonrennen oder sich wenigstens richtig wehren kann. Das ist natürlich ein fatales Ereignis. Die Leine sollte dem Hund immer Sicherheit bieten.

 

 

2. Frustration

Leinenaggression kann auch durch Frustration entstehen. Häufig ist dies der Fall bei Junghunden oder Hunden, die krankheitsbedingt lange an der Leine geführt werden müssen und nicht mit anderen Hunden spielen dürfen. Durch die Frustration bei der Begegnung mit anderen Artgenossen lernt der Hund, dass andere Hunde mit einem schlechten Gefühl gekoppelt sind. Oder der Hund hat gelernt mit bellen und ziehen zum Erfolg zu kommen, zum anderen Hund zu gelangen oder sogar frei gelassen zu werden. Hat er diese Erfahrung bereits gemacht, wird er bei der nächsten Begegnung, bei der er nicht zum anderen Hund hin darf, entsprechend intensiver randalieren.

 

3. Fehlverknüpfung

Der Hund lernt vorwiegend in Bildern und kontextspezifisch. Passieren daher zwei Dinge fast gleichzeitig, verknüpft der Hund diese zwei Dinge miteinander. Bewusst eingesetzt ist diese Koppelung ein Segen und man kann schlechte Emotionen beim Hund in positive ändern. Das kontextspezifische lernen kann sich aber auch negativ auf den Hund auswirken. 

 

Ein Beispiel für die Fehlverknüpfung an der Leine. 

Der Angeleinte sieht einen anderen Artgenossen. Gleichzeitig verspürt der Hund einen unangenehmen Zug auf dem Halsband, weil er an der Leine zu dem anderen Hund zieht und/oder der Besitzer an der Leine zieht oder  ruckt, was für den  Hund ein unangenehmes allenfalls sogar schmerzhaftes Gefühl ist. Der angeleinte Hund verbindet in diesem Moment, dass der Anblick von Artgenossen, Menschen, Kinder usw. mit Schmerzen verbunden ist.

 

Oftmals resultiert das unangenehme Gefühl an der Leine, weil der Hund nicht gelernt hat schön an der Leine zu gehen oder es für den Besitzer einfacher ist, seinen Hund in die gewünschte Position zu ziehen anstatt dem Hund zu sagen, was genau von ihm verlangt wird. Dies geschieht von den Besitzern meistens nicht mal mutwillig.

 

4. Stimmungsübertragung

Der Hundehalter spielt ebenfalls eine grosse Rolle bei der Frage, wie Leinenaggression entsteht. Es gibt Hundehalter, die beim Anblick von anderen Hunden ihren Vierbeiner mit Druck auf der Leine kurz nehmen, den Hund mit strenger Stimme ermahnen brav zu sein. Oder sogar mit unsicherer Stimme auf den Hund einreden, dass alles in Ordnung sei, während die Besitzer unsicher oder sogar ängstlich der Begegnung gegenüber stehen. Dem Hund wird aber durch diese Aktionen signalisiert, dass die Situation alles andere als in Ordnung ist.

Der Hund muss also die Situation selber in die Hand nehmen und die Angelegenheit klären. Der Hundebesitzer wird dann auf das schlechte Verhalten von seinem Hund reagieren und schnell durch die Situation gehen oder sich sogar Entfernern. Somit lernt der Hund bei jeder Begegnung, dass sein Verhalten etwas nützt und wird es immer stärken oder es auch früher zeigen.

 

Verständnis im Hundetraining hilft

Die oben genannten Faktoren sind alle Bestandteile, aus denen heraus eine Leinenaggression entstehen kann. Nicht jeder Hund, der ein schlechtes Erlebnis an der Leine hatte oder eine/n ängstliche/n Besitzer/in hat wird automatisch ein Leinenrambo. Es kann auch nicht immer herausgefunden werden, weshalb der Hund die Leinenaggression zeigt. Wichtig ist zu wissen, dass der Hund in diesem Verhalten eine Methode gefunden hat, um mit seinem Problem umzugehen. Der Hund macht dies sicher nicht aus Spass und deshalb sollte man dringend mit dem Hund an diesem Problem arbeiten und ihm so das Leben einfacher machen.

 

Ich arbeite bei dieser Verhaltensauffälligkeit gerne über Alternativverhalten (z. B. Beute tragen, Handtouch, Anschauen), systematische Desensibilisierung, Gegenkonditionierung, Habituation (Gewöhnung), Verstärkung erwünschten Verhaltens und Frustrationstraining.

Herfür biete ich speziell für solche Hunde angepasste Gruppen an. Mehr unter...

Des Weiteren ist es auch wichtig den Alltag zu ändern. Es ist unumgänglich für den Hund ein souveräner Partner zu sein, der sogenannte "Fels in der Brandung". Der Hund soll sich auf sie verlassen können. Dazu gehört auch, dass sie Regeln aufstellen, welche auch befolgt werden müssen. Kommandos, sodass der Hund versteht, was sie von ihm möchten. Zum Beispiel eine schöne Leinenführigkeit, Sitz unter Ablenkung und Anschauen sind wichtige Übungen. Und nicht zu vergessen; nicht zu viel und nicht zu wenig körperliche wie geistige Auslastung, sodass der Hund ausgeglichen und zufrieden ist.

 

!Wichtig: Ich rate dringend von aversive Trainingsmethoden, wie anspritzen, Anti-Bellhalsband, Leinenruck, gefüllte Rütteldose usw. ab. Diese Methoden können zum Teil kurzfristig Erfolg zeigen, anderseits sind die Konsequenzen daraus unvorhersehbar und können das schlechte Verhalten nur verstärken. Denn man zeigt dem Hund nicht wie er mit der Situation umgehen soll und was er anstatt dem Fehlverhalten tuen soll. Bei solchen Methoden leidet nur die Beziehung zwischen Mensch und Hund.

 

Besser ist es gar nicht so weit kommen zu lassen. Seien Sie von Anfang an ein souveräner Partner, lassen Sie die Hunde an der Leine nicht zueinander hin und regeln Sie den Kontakt zu anderen Hunden. Ihr Hund muss nicht mit allen Artgenossen Kontakt haben und auch schon gar nicht alle mögen und spielen. Wir interagieren ja auch nicht mit allen Menschen, die wir antreffen. Wieso stellen wir dann diese hohe Anforderung an unsere Hunde? Setzen Sie sich für Ihren Hund ein und lassen Sie sich von anderen Hundebesitzern nicht unter Druck setzten. Sprüche wie: „Hunde brauchen Sozialkontakt und die Regeln das schon unter sich“ sollen Sie kalt lassen. Sie kennen Ihren Hund am besten und wissen, welche Sozialkontakte Ihrem Hund gut tun und diese soll er dann auch in vollen Zügen geniessen.